Kann sich Stress auf meine Fruchbarkeit und meinen Kinderwunsch auswirken?

Kennst du das? Du wünschst dir seit Jahren ein Kind, aber leider wirst du einfach nicht schwanger. Dann kennst du vielleicht auch die gut gemeinten Ratschläge, dass du dich „einfach mal entspannen“ sollst? Tja, das ist oft leichter gesagt als getan, wenn man gar nicht weiß, wie man sich überhaupt entspannt… Aber: Stress kann tatsächlich ein Faktor dafür sein, dass du noch nicht schwanger geworden bist. Doch warum ist das so? Was genau passiert bei Stress in deinem Körper und was hat das mit deinem Zyklus, deinen Hormonen, deiner Fruchtbarkeit und deinem Kinderwunsch zu tun? Und wie kann dir Kinderwunsch Yoga (Fertility Yoga) helfen, aus diesem Stress-Hormon-Anspannungs-Teufelskreis rauszukommen? All das möchte ich heute mal ein bisschen genauer beleuchten.

Was ist eigentlich Stress?

Wenn wir das Wort „Stress“ hören, verbinden wir es meistens mit etwas Negativem, Anstrengendem oder Bedrohlichem. Eigentlich ist Stress aber eine normale, überlebenswichtige Reaktion unseres Körpers: in Situationen, die wir als bedrohlich empfinden, werden wir körperlich und mental darauf vorbereitet, zu kämpfen oder zu fliehen (Kampf-oder-Flucht bzw. fight-or-flight Modus). Dafür finden im Körper viele verschiedene Veränderungen statt:

  • Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet,
  • Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz steigen,
  • das Blut wird umverteilt aus der Körpermitte (innere Organe) in die Extremitäten (Arme und Beine) und
  • die Spannung in den Muskeln steigt.

Als kurzfristige Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis ist das alles durchaus sinnvoll, damit wir entsprechend leistungsbereit sind. Schwierig wird es aber, wenn wir chronisch und dauerhaft unter Strom stehen (z.B. im Job oder durch ausbleibende Wunsch-Schwangerschaft) und keine Möglichkeit haben, den Stress in unserem System abzubauen. Die natürliche Reaktion auf Stress wäre ja eigentlich Bewegung (weglaufen oder kämpfen). Da wir uns heutzutage aber wenig bewegen und unseren Stress eher „aussitzen“, bleiben auch diese ungenutzte Energie und die Anspannung im Körper und stauen sich auf. Wir stecken also im angespannten Kampf-oder-Flucht-Modus fest und kommen nicht wieder in einen entspannten Ruhe-und-Verdauungs-Modus (rest-and-digest), in dem Körper und Geist das Erlebte verarbeiten können. Dieser dauerhafte Zustand von Aktivierung und Anspannung kann sich dann auf die Gesundheit auswirken – und auch auf Fruchtbarkeit und Kinderwunsch. Aber warum?

Stress bringt dein Hormonsystem durcheinander

Häufig hört man die etwas unkonkrete Aussage, dass Stress das empfindliche Hormonsystem aus dem Gleichgewicht bringt und so den Zyklus und die Fruchtbarkeit beeinflussen kann. Die Gründe, die dahinter stehen, sind mir aber auch erst seit der Fertility Yoga-Ausbildung klar. Oder hättest du gewusst, dass das Stresshormon Cortisol sehr eng verbunden ist mit dem Geschlechtshormon Progesteron (Gelbkörperhormon)? Progesteron spielt eine wichtige Rolle in der zweiten Hälfte deines Zyklus: es bereitet die Gebärmutter auf eine mögliche Schwangerschaft vor und es hilft dabei, die Schwangerschaft zu erhalten. Die Verbindung zwischen den beiden Hormonen besteht – vereinfacht gesagt – darin, dass sie aus den gleichen Hormonvorstufen gebildet werden und der Körper in der Lage ist, Progesteron in Cortisol umzuwandeln.

Wenn du jetzt unter Dauerstress stehst, dann muss dein Körper auch ständig Cortisol produzieren, um den Stresshormon-Spiegel konstant zu halten. Dafür greift der Körper dann, laut Ana Davis (Ausbilderin Fertility Yoga, (1)), wohl auch auf das Progesteron oder auf gemeinsame Hormonvorstufen (Pregnenolon) zurück, um daraus zusätzliches Cortisol zu produzieren. Wenn Progesteron oder seine Vorstufen vermehrt zu Cortisol umgewandelt werden, dann steht weniger Progesteron zur Regulation des Zyklus zur Verfügung bzw. zur Vorbereitung auf und für den Erhalt von einer Schwangerschaft…

Stress kann auch den Hypothalamus im Gehirn beeinflussen. Der Hypothalamus ist eine wichtige Hormondrüse, die Signale zur Hirnanhangdrüse (Hypophyse) schickt, die ihrerseits wiederum Hormone freisetzt. Da der Hypothalamus in der Nähe des „Emotionszentrums“ des Gehirns sitzt, kann wohl emotionaler Stress dafür sorgen, dass die Signale, die zur Hirnanhangdrüse geschickt werden, „fehlerhaft“ sein können. Und das kann wiederum die weitere Hormonproduktion beeinflussen (1).
Deshalb kann Stressmanagement mit Hilfe von Yoga, Atemübungen (mehr in diesem Artikel) oder Entspannungstechniken ein wichtiger erster Schritt sein, um dein Hormonsystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen und den Weg zu deiner Wunsch-Schwangerschaft vorzubereiten.

Stress stört die Durchblutung der Fortpflanzungsorgane

Ein weiterer Grund, wie Stress deine Fruchtbarkeit beeinflussen kann, liegt darin, dass bei Stress die Fortpflanzungsorgane nicht optimal durchblutet werden. Wenn du in einer Gefahrensituation bist, dann braucht dein Körper das Blut (und damit Sauerstoff und Nährstoffe) in erster Linie in deiner Skelettmuskulatur, also z.B. in Armen und Beinen, damit du gegen die wahrgenommene Bedrohung kämpfen oder davor fliehen kannst. Die Durchblutung der Fortpflanzungsorgane wird also in stressigen Phasen gedrosselt und quasi „heruntergefahren“, damit in den Skelettmuskeln mehr Blut zur Verfügung steht. Denn die Funktion und Versorgung deiner Fortpflanzungsorgane ist nicht unmittelbar überlebensnotwendig, kostet aber zusätzliche Energie. Dein Körper ist in einer Gefahrensituation erstmal darauf bedacht, sein eigenes Überleben zu sichern. Und da spielt die Fortpflanzung in dem Fall eine untergeordnete Rolle (s.u.). Wenn der Stress nachlässt und der Körper zurück in den Entspannungsmodus wechselt, dann werden auch die Verdauungs- und Fortpflanzungsorgane wieder „angeschaltet“. Deshalb wird dieser Zustand manchmal auch als rest-and-digest-and-reproduce bezeichnet (Ruhe-und-Verdauung-und Fortpflanzungs-Modus).

Durch gezielte Entspannungstechniken, Atemtechniken oder Yogahaltungen kannst du lernen, Stress abzubauen, damit deine Beckenorgane wieder angemessen durchblutet und mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden.

Stress erhöht die Spannung in der Muskulatur – besonders im „Muskel der Seele“

Wenn du in einer stressigen Situation bist, erhöht sich die Spannung in deinen Muskeln, damit du für einen Kampf oder eine schnelle Flucht gewappnet bist. Ein Muskel, der besonders empfindlich auf Stress reagiert, ist dein Hüftbeuger, der Psoas major, der Teil des Iliopsoas (Lenden-Darmbein-Muskel) ist. Dieser Muskel liegt tief im Innern deines Körpers, er bildet quasi deinen innersten „Kern“ und er ist der einzige Muskel, der deine Wirbelsäule mit deinen Beinen verbindet. Denn er verläuft, ganz grob gesagt, mit je einem Strang rechts und links von deiner Brust- und Lendenwirbelsäule (T12 und L1-5) zur Innenseite deiner Oberschenkelknochen. Auf seinem Weg von der Wirbelsäule zum Oberschenkel zieht der Psoas durch den Bauch- und Beckenraum und vorbei an den Verdauungs- und Fortpflanzungsorganen.

Auf Dauerstress reagiert der Psoas mit einem Zustand von ständiger Anspannung oder Überspannung. Liz Koch, Autorin des Psoas Book (2), geht davon aus, dass der angespannte Psoas Druck auf die Fortpflanzungsorgane ausübt, wodurch schmerzhafte Krämpfe entstehen und die Durchblutung gestört werden kann. Möglicherweise werden durch Druck und Spannung sogar die Nerven, die den Unterleib versorgen, in Mitleidenschaft gezogen.

Zudem signalisiert ein angespannter Psoas (z.B. durch häufiges Sitzen) dem Gehirn, dass wir uns gerade in einer Stresssituation befinden müssen und entsprechende Stressreaktionen eingeleitet werden sollten, mit allem, was dazugehört (Stresshormone, Umverteilung des Bluts…). Die Auswirkungen auf Fruchtbarkeit und Kinderwunsch haben wir ja bereits weiter oben besprochen.
Die Bedeutung des Psoas geht aber über die „rein körperliche“ Ebene hinaus. Er spielt eine wichtige Rolle für deine emotionale, energetische und psychische Ebene: Der Psoas ist über das Zwerchfell mit der Atmung verbunden und auch mit dem Nervensystem, er wirkt auf dein Gleichgewicht, deine innere Stabilität und es heißt, dass der Psoas Traumata und emotionale Themen speichert. Deshalb wird er häufig als „Muskel der Seele“ bezeichnet. Bei einem so emotionalen Thema wie Fruchtbarkeit und Kinderwunsch kann sich ein Blick auf den Psoas deshalb lohnen und Yoga kennt viele geeignete Techniken, um die körperlichen und seelischen Blockaden im Psoas zu lösen.

Stress und energetische Aspekte

Dein Körper ist ein intelligentes Ding. Er ist darauf ausgerichtet, sein eigenes Überleben zu sichern. In Notsituationen, die Stress verursachen, braucht er alle erdenkliche Energie, um die lebenswichtigen Systeme am Laufen zu halten. Unnötige Systeme, wie die Fortpflanzung, werden „abgeschaltet“. Eine Schwangerschaft sichert zwar langfristig das Überleben der Menschheit. Kurzfristig kostet sie das mütterliche System aber wahnsinnig viel Energie und Kapazitäten, da ja noch ein weiterer Organismus mitversorgt werden muss. In Phasen von starkem, anhaltendem Stress, müsste dein Körper also noch zusätzliche Energie aufbringen, um eine Schwangerschaft zu ermöglichen und zu erhalten. Wenn die Energie aber gerade so reicht, um den eigenen Körper am Laufen zu halten, sind die Bedingungen für eine Schwangerschaft erschwert.

Heißt das jetzt, dass ich nicht schwanger werden kann, wenn ich unter Stress stehe?

Nein, das heißt es nicht. Natürlich werden Frauen auch in Stresssituationen schwanger – meine Großmutter hat insgesamt 5 Kinder zur Welt gebracht, allein 4 davon während des Krieges innerhalb von 5 Jahren! Aber nicht jeder Körper hat die gleichen Voraussetzungen, Kapazitäten oder Reaktionen auf Stress und es ist immer ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Wenn eine Wunsch-Schwangerschaft aber ausbleibt, lohnt es sich, einmal den Blick auf den Stress, bzw. den eigenen Umgang damit, zu richten.

Wie kann Kinderwunsch Yoga (Fertility Yoga) mir helfen?

Kinderwunsch Yoga (Fertility Yoga) ist eine sanfte, feminine Yogaform, die dir durch geeignete Körperhaltungen, Entspannungstechniken, Meditation und Atemübungen auf unterschiedlichen Ebenen helfen kann (siehe auch diesen Artikel):

  • Durch Fertility Yoga können Stresshormone abgebaut werden, wodurch dein Hormonsystem und dein Zyklus wieder in Balance kommen.
  • Yogaübungen (Dehnungen, Resist-and-Release-Techniken, Constructive Rest Pose…) lösen die Überspannungen, die sich in der Muskulatur festgesetzt haben – insbesondere im Psoas Muskel und im Bereich von Becken und Hüften.
  • Hüftöffnende Yogahaltungen dehnen und stimulieren den Beckenbereich und verbessern die Durchblutung und den Energiefluss in den Fortpflanzungsorganen
  • Sanfte, gestützte Yogaposen (Restorative Yoga) und bestimmte Atemtechniken helfen, das Nervensystem zu beruhigen, die Stressreaktion umzukehren und vom angespannten Flucht-und-Kampf-Modus in den entspannten Ruhe-und-Verdauungs-(und-Fortpflanzungs-) Modus zu wechseln
  • Yoga ermöglicht Regeneration und Erholung und steigert Energie und Vitalität
  • Yoga und Meditation können helfen, körperliche, seelische und mentale Blockaden, Glaubenssätze und Ängsten (auch im Hinblick auf Fruchtbarkeit, Kinderwunsch oder Mutterschaft) zu lösen
  • Durch Yoga kann Vertrauen in den eigenen Körper aufgebaut werden

So, ich hoffe, dass ich dir einen kleinen Einblick geben konnte, wie Stress und Fruchtbarkeit zusammenhängen. In einem nächsten Artikel möchte ich noch tiefer auf die Möglichkeiten und Effekte von Kinderwunsch Yoga (Fertility Yoga) eingehen. Aber für heute soll es das gewesen sein 😊

Wenn du noch Fragen zu dem Thema hast, kannst du mich gerne über das Kontaktformular oder per Email anschreiben.

Bis zum nächsten Mal,
viele liebe Grüße, Ilke

(1) Ana Davis, Fertility Yoga Lv.1, Online-Ausbildung

(2) Liz Koch, The Psoas Book, Guinea Book Publications, 1997.

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